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VISIONARY INSIGHTS

Zusammenfassung des Webinars: Wohlbefinden und Leistung am Arbeitsplatz durch verbesserte Innenraumqualität und erhöhten Komfort

Jennifer Pitterle
13. April 2022
Webinar Recap: Sustaining Workplace Wellbeing and Performance Through Enhanced Indoor Environmental Quality

Am 9. Dezember 2021 führte SageGlass eine virtuelle Gesprächsrunde zu aktuellen Forschungsergebnissen auf dem Gebiet der Innenraumqualität und des Komforts, insbesondere am Arbeitsplatz, durch. Es wurde erörtert, was Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber tun können, um das Arbeitsumfeld für die in einem Büro tätigen Mitarbeitenden angenehmer zu gestalten.

Das Panel wurde von Colin Campbell geleitet. Er ist Concept Creator bei SageGlass von Saint-Gobain. Weitere Gesprächsteilnehmerinnen, die ihre Forschungsergebnisse und Ideen präsentierten, waren Flore Pradère, Global Research Director bei JLL Work Dynamics, Eloïse Sok-Paupardin, Concept Creator bei SageGlass, und Paige Hodsman, Concept Developer bei Ecophon von Saint-Gobain.

Wohlbefinden am Arbeitsplatz: die aktuellsten Trends

Zu Beginn sprach Flore Pradère über die weltweiten Trends im Bereich Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz. Pradère hat zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren Tausende von Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden auf der ganzen Welt befragt, um herauszufinden, wie sie ihr Arbeitsumfeld wahrnehmen und welche Eigenschaften und Qualitäten ihnen wichtig sind. Ihre Datenbank umfasst Antworten von fast 70’000 Befragten.

Laut Pradère fehlte es zahlreichen Mitarbeitenden an der nötigen Energie, am Enthusiasmus und an der Motivation, als sie während der Coronapandemie von zu Hause aus arbeiten mussten. Ein positiver Aspekt des Homeoffice war allerdings, dass Angestellte anschliessend besser wussten, was für sie zu einem idealen Arbeitsplatz gehört: Nämlich ein Fokus auf Gesundheit und Wohlbefinden, was überdies zu einer erhöhten Produktivität führen kann.

Was den Angestellten wichtig ist

58 % der Befragten gaben an, dass sie für ein Unternehmen arbeiten wollen, das sich um ihre körperliche und mentale Gesundheit kümmert.

An dieser Stelle muss gesagt werden, dass viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber diesen Trend bereits wahrnehmen und daran arbeiten, Arbeitsumgebungen zu schaffen, die den Anforderungen der Angestellten entsprechen. Gemäss Pradère sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die folgenden Aspekte am Arbeitsplatz wichtig: menschlich, grün, authentisch, integrativ, belastbar und innovativ.

Anforderungen an den Arbeitsplatz von Angestellten (Quelle: Responsible Real Estate, JLL Research, Juli 2021)

Pradère sagte: «Um sich voll und ganz auf die eigene Arbeit einzulassen und damit zufrieden zu sein, braucht es den richtigen Arbeitsinhalt. Man muss das Gefühl haben, einem Team anzugehören. Man muss Zugang zum richtigen Umfeld haben. Man muss die Chance haben, sich weiterzuentwickeln. Und man muss die Möglichkeit dazu haben, das Private mit dem Beruflichen in Einklang zu bringen.» Zusammen mit ihrem Team hat Pradère einen Human Experience Score (HX) entwickelt, der dabei hilft, eine Antwort auf die Frage «Entspricht der aktuelle Arbeitsplatz den Erwartungen der Angestellten?» zu finden. Der HX-Score zeigt das Verhältnis zwischen der Wichtigkeit eines Aspektes (zum Beispiel Lärm, Beleuchtung, Luftqualität etc.) und der Zufriedenstellung dieses Aspektes. Je grösser die Abweichung, desto tiefer der HX-Score (d. h., ein tiefer HX-Score entsteht, wenn ein Aspekt einem Angestellten extrem wichtig ist, er aber überhaupt nicht damit zufrieden ist).

Pradères Studie, die in Zusammenarbeit mit SageGlass durchgeführt wurde, zeigte in allen sechs untersuchten Bereichen deutliche Abweichungen zwischen der Wichtigkeit und der Zufriedenstellung. Diese Aspekte waren Luftqualität, Lichtqualität, Temperatur, Aussicht und Grünflächen, gesunde Lebensweise und Lärmbelastung. Diese Ergebnisse zeigen, dass das Arbeitsumfeld noch verbessert werden muss, um die Erwartungen der Angestellten zu erfüllen. 

Ein gesundes Arbeitsumfeld ist gut fürs Geschäft

Eloïse Sok-Paupardin ging noch mehr ins Detail bezüglich der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Wichtigkeit von Verbesserungen des Arbeitsumfeldes untermauern. Zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen untersuchte sie, wie sich Innenraumqualität und Komfort (Indoor Environmental Quality, IEQ) in der Praxis auf das Wohlbefinden und die Produktivität von Angestellten auswirken. Kurz gesagt: Lohnt es sich für Unternehmen auch wirtschaftlich, in IEQ zu investieren? Die Antwort liegt auf der Hand: auf jeden Fall.

Die Forschungsarbeit von Flore Pradère zeigt eine starke Korrelation zwischen Innenraumfaktoren (wie Lichtqualität und Lärm) und der Produktivität von Angestellten. Gemäss einer aktuellen Studie ist für die produktivsten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Minimierung der Lärmbelästigung der wichtigste Faktor (Korrelation 0,406 auf einer Skala, auf der 1 eine starke positive Korrelation und 0 gar keine Korrelation bedeutet). An zweiter Stelle steht bei produktiven Angestellten die Luftqualität (0,364), gefolgt von der Lichtqualität (0,363), der Aussicht und den Grünflächen (0,337), der gesunden Lebensweise (0,336) und der Temperatur (0,275).

Laut Paige Hodsman, die auf dem Gebiet der Akustik forscht, werden Angestellte am häufigsten von Gesprächen anderer abgelenkt. Tatsächlich senkt die Lärmbelastung unsere Leistung durchschnittlich um 6,2 %. Expertinnen und Experten sind sich einig, dass eine prozentuale Veränderung von mehr als 5 % einem signifikanten Einfluss aufs Geschäfts entspricht. «Hat die Minimierung von Lärmbelastung einen Einfluss auf unser Geschäft?», fragte sich Hodsman. «Ja. Lärmbelastung wirkt sich negativ auf Konzentration, Stress und fristgerechte Erledigung von Aufgaben aus.»

Lärm im Büro wirkt sich auf die Leistung aus (Quelle: Oseland, N. and Hodsman, P., The response to noise distraction by different personality types: An extended psychoacoustics study, The Corporate Real Estate Journal, Ausgabe 9 / Nummer 3 / Frühling 2020)

Pradère stellte fest, dass sich Produktivität und Wohlbefinden nicht identisch verhalten. Die wichtigsten Faktoren für die Produktivität sind nicht dieselben wie die für das Wohlbefinden. Ihre Studie zeigte, dass bei Angestellten, die sich bei der Arbeit am wohlsten fühlen, die Aussicht und die Grünflächen am stärksten korrelierten (0,491), gefolgt von einer gesunden Lebensweise (0,454), Luftqualität (0,396), Lichtqualität (0,344), Lärmbelastung (0,335) und Temperatur (0,262).

Zur Wichtigkeit von freier Sicht nach draussen sagte Sok-Paupardin: «Studien der wissenschaftlichen Literatur zeigen, dass sich die Aussicht und die Verbindung zur Natur nicht nur positiv auf das Wohlbefinden, sondern auch auf unsere mentale und körperliche Gesundheit auswirken – und sogar auf unsere Leistung.» Einer der am besten dokumentierten Vorteile ist die Erholung von Stress und mentaler Erschöpfung. Eine freie Sicht nach draussen fördert zudem den zirkadianen Rhythmus (anhand von natürlichem Licht), die Vorstellungskraft und die Gesundheit der Augen. «Es ist zum Beispiel bekannt, dass Blicke in die Ferne helfen, die Augenbelastung zu reduzieren, denn dabei müssen sich unsere Augen weniger anpassen», sagte Sok-Paupardin. «Während der Pandemie und des Lockdowns haben wir festgestellt, dass die Menschen Ihren Fenstern und Ihrer Aussicht vermehrt Bedeutung beimessen, denn sie waren die einzigen Verbindungen zur Aussenwelt.»

Einige neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind jedoch noch nicht allgemein bekannt. Viele Angestellte berichten beispielsweise ziemlich positiv über die Lichtverhältnisse und den visuellen Komfort im Büro (im Vergleich zum Lärm oder zur Temperatur). Wir denken dabei an minimale Anforderungen wie genügend Licht und das Vermeiden von Blendeffekten. Doch erst in den vergangenen 20 Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Einfluss des Tageslichts auf unsere Hormone, den zirkadianen Rhythmus und andere Gesundheitsfaktoren entdeckt. Wenn sich die Angestellten dieser Auswirkungen stärker bewusst wären, erhielten wir bestimmt andere Antworten in den Umfragen.

Mitarbeitende sind Individuen

Pradère, Sok-Paupardin und Hodsman sind sich einig, dass Unternehmen vermehrt auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeitenden achten sollten. Jeder Mensch ist anders. Eine Vielzahl demografischer und psychologischer Faktoren kann den Eindruck unseres Umfeldes beeinflussen. Dazu gehören unter anderem das Geschlecht, das Alter, die Herkunft sowie die Art der Persönlichkeit. «Eine Person braucht ein volles Grossraumbüro, eine andere ein privates Einzelbüro, um sich konzentrieren zu können», sagte Pradère. «Für Angestellte ist es sehr wichtig, verschiedene Atmosphären zur Auswahl zu haben.»

Zukunftsaussichten

Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft aus? Laut Flore Pradère erleben Unternehmen zurzeit einen kulturellen Wandel. Denn Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber erkennen langsam aber sicher, dass die Angestellten neue Anforderungen und Erwartung haben. «Was früher einmal das i-Tüpfelchen war, wird heute einfach vorausgesetzt», sagte Pradère. Einigen Mitarbeitenden ermöglichte das Homeoffice während der Pandemie einen neuen Bezug zur Natur und zur frischen Luft. «Genau diese Erfahrung erwarten sie jetzt auch im Büro, wenn sie zurückkehren», erklärte Pradère. «Unternehmen müssen sich dieser Herausforderung stellen.»

Wenn Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber diese neuen Erwartungen und Pläne auswerten, müssen sie die Bedürfnisse von Mitarbeitenden unterschiedlichen Geschlechts, Alters und Standorts berücksichtigen, so die Gesprächsteilnehmerinnen. Frauen haben in der Regel einen tieferen HX-Score als Männer (80:84) und sind mehr von Lärmbelastung und Temperaturschwankungen betroffen.

Paige Hodsman erinnerte Unternehmen daran, sich nicht mit «Einheitsgrössen» zufrieden zu geben und sich stattdessen beim Bürodesign auf einen Ansatz zu konzentrieren, der die Bedürfnisse Einzelner in Betracht zieht, ein Gefühl der Kontrolle vermittelt, Privatsphäre gewährleistet, Störungen durch Gespräche anderer minimiert und verschiedene Arten von Persönlichkeit sowie neurodiverse Aspekte berücksichtigt.

Eloïse Sok-Paupardin erwähnte die Bedürfnishierarchie, bei der die unterste Schicht der Pyramide für Unbehagen und Mangel steht, die mittlere Schicht für Komfort und Angemessenheit und die oberste Schicht für Freude und Wohlbefinden. Es sei nicht mehr ausreichend für Gebäude, nur die Basics zu erfüllen. «Der Gipfel der Pyramide muss das Ziel sein.»

Die Bedürfnishierarchie (Quelle: Ten questions concerning well-being in the built environment, Altomonte et al., 2020)

Alle Gesprächsteilnehmerinnen waren sich einig, dass mehr Forschung und bessere Messungen und Modelle notwendig sind, die die Individualität der Gebäudenutzerinnen und -nutzer in den Vordergrund rücken. «Wir müssen mehr und besser messen, sowohl objektiv als auch subjektiv. Und zwar nicht nur im Labor, sondern auch in der Praxis», so Sok-Paupardin. «Nur so können wir unsere Ergebnisse validieren, uns verbessern und genauere Pläne definieren.»

Zum Schluss erwähnte Flore Pradère das Konzept des «regenerativen Arbeitsplatzes». Das einst provokative Konzept, dass Arbeitnehmende ihre Bedürfnisse nach Freude und Wohlbefinden tatsächlich am Arbeitsplatz befriedigen können, setzt sich immer mehr durch. «Viele Unternehmen schauen auf die Kosten für die Verbesserung des Designs und der Einrichtung», so Pradère. «Aber das ist natürlich eine Investition. Wer anhand eines ganzheitlichen Ansatzes ins Wohlbefinden investiert, schafft die perfekten Bedingungen, unter denen Mitarbeitende echte Leistungen erbringen können.»

Die Gesprächsteilnehmerinnen äusserten sich optimistisch zur Geschwindigkeit, mit der das Umdenken über den neuen Arbeitsplatz voranschreitet. Paige Hodsman erwähnte einen neuen akustischen Standard, der zum ersten Mal auch die menschliche Wahrnehmung von Lärm berücksichtigt und nicht nur den physischen Lärm, der in einem Raum gemessen werden kann. «Ein Wandel ist im Gange, sogar in der Praxis», sagte sie. «Die Menschen werden als Individuen wahrgenommen. Wie sie die Welt erleben, ist Teil der praktischen Umsetzung von Lösungen.»

«Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg in der Pandemie», sagte Sok-Paupardin. «Aber wir können noch mehr tun. Ich persönlich glaube, dass die Stimmen der Endnutzerinnen und -nutzer den Unterschied machen werden.»

 

Jennifer 

Jennifer Pitterle ist eine in Minnesota ansässige Autorin und Redakteurin mit Schwerpunkt auf Lifestyle-Journalismus und kreativen Sachbüchern.

 

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