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VISIONARY INSIGHTS

Die Wichtigkeit von Tageslicht und Aussicht zu Hause und am Arbeitsplatz

Jennifer Pitterle
26. April 2021
Looking Out

«Fenster in allen Formen und Grössen bringen nicht nur Licht in unser Leben. Sie schaffen auch eine Verbindung zu den urbanen oder grünen Landschaften, auf die sie den Blick freigeben», so die Radiomoderatorin Helen Mark. In einer kürzlich erschienenen Folge von Marks BBC-Podcast «Open Country» sprach sie mit Menschen, die bedingt durch ihre Arbeit, ihr Studium oder ihren Alltag eine unmittelbare und einzigartige Beziehung zu Fenstern haben.

 

DIE KRAFT DES TAGESLICHTS

Marks erster Gast ist Professor John Mardaljevic, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der School of Architecture, Building and Civil Engineering der Loughborough University mit dem Thema Tageslichtmodellierung von Gebäuden befasst. «Fenster haben in vielerlei Hinsicht einen Einfluss auf unsere psychische Gesundheit und auf unser Wohlbefinden», erklärt Mardaljevic. «Hier ist insbesondere das Trainieren der Tageslichtrhythmen zu erwähnen, das heisst die Synchronisierung der inneren Uhr mit dem 24-Stunden-Zyklus zwischen Tag und Nacht.»

Um die Wichtigkeit des Tageslichts zu verstehen, müssen wir natürlich auch verstehen, wie sich Lichtentzug auswirkt. Mardaljevic berichtet von Experimenten Mitte des 20. Jahrhunderts, bei denen Versuchspersonen in eine völlig dunkle Höhle oder Zelle gesperrt wurden, um zu beobachten, was passiert. «Innerhalb von weniger als einer Woche geriet ihre innere Uhr völlig durcheinander. Die wirksamste Methode, die innere Uhr wieder auf null zu stellen, besteht darin, das Auge frühmorgens einer hohen Beleuchtungsstärke auszusetzen», sagt Mardaljevic. Licht, das ins Auge einfällt, stimuliert einen Teil des Hypothalamus, den Nucleus suprachiasmaticus, der Signale an andere Teile des Gehirns sendet; die dann beginnen, den Organismus aufzuwecken.

Einige dieser kontroversen Studien wurden vom kanadischen Psychologen Donald Hebb und dem französischen Geologen Michel Siffre entwickelt. Siffre war einer der ersten Wissenschaftler, die feststellten, dass es eine «biologische Uhr» gibt. Und Hebb hat gezeigt, wie schnell sich Dunkelheit negativ auf den Menschen auswirken kann. Schon nach wenigen Stunden im Dunkeln und in Isolation begannen Hebbs Probanden heftig und ausgeprägt zu halluzinieren. Er schrieb: «Es ist eine ganz andere [Sache], im eigenen Labor festzustellen, dass das blosse Wegnehmen der üblichen Anblicke, Geräusche und Körperkontakte von einem gesunden Universitätsstudenten für ein paar Tage ihn bis ins Mark erschüttern, ja sogar seine persönliche Identität durcheinanderbringen kann.»

Looking Out

Die unterirdischen Experimente von Michel Siffre halfen ihm zu verstehen, welchen Einfluss Licht und Dunkelheit auf den biologischen Rhythmus des Menschen haben. (Quelle: M. Siffre)

 

SCHULEN: EINE FALLSTUDIE FÜR ALLE ARTEN VON FENSTERN

Obwohl Studien zu diesem Thema, wie beispielsweise die von Hebb und Siffre, vorlagen, wurden viele Gebäude in der Mitte des 20. Jahrhunderts so konzipiert, dass sie thermisch effizient und zweckmässig waren. Zu dieser Zeit bedeutete das meist, auf viele Fenster zu verzichten. Im Laufe der Jahre begannen unter anderem Architekten, diese Ideen infrage zu stellen. Ein 1999 in Kalifornien veröffentlichter Bericht mit dem Titel Daylighting in Schools befasste sich mit diesem Ansatz. Wissenschaftler haben es so formuliert: «Wenn man alle anderen Einflüsse berücksichtigt, zeigt sich, dass Schüler, deren Klassenräume das meiste Tageslicht hatten, in einem Jahr bei Mathematiktests um 20 % und bei Lesetests um 26 % schneller vorankamen als Schüler, deren Klassenräume kaum Tageslicht hatten.» Die Wissenschaftler verwiesen auf eine ähnliche Studie aus Schweden aus dem Jahr 1992. Sie haben signifikante Zusammenhänge zwischen dem Tageslichteintrag, dem Hormonspiegel und dem Verhalten der Schüler festgestellt und sind zum Schluss gekommen, dass Klassenräume grundsätzlich mit Fenstern ausgestattet werden sollten.

 

AUSSICHT SORGT FÜR OPTIMISMUS

Das liegt nicht nur am Licht. «Der Blick durch das Fenster ist in vielerlei Hinsicht ein wertvoller Aspekt», bemerkt Mardaljevic. Es gibt drei wichtige «Ebenen der Aussicht», erklärt er. «Da ist zum einen der Himmel, zum anderen der Boden, und die Ebene dazwischen ist die natürliche oder die bebaute Umgebung. Man geht davon aus, dass, wenn man alle drei Ebenen kombiniert, die Wahrscheinlichkeit grösser ist, dass man eine angenehme Aussicht geniessen kann.»

Auch die professionelle Fensterreinigerin Amy Owens aus Bridgwater, England, sorgt dafür, dass ihre Kunden, die beste Aussicht geniessen können. Sie beschreibt die natürliche Schönheit ihrer Heimatregion und wie wichtig die Aussicht für die Menschen ist. «In diesem Teil der Welt zu leben, ist wirklich ein Glücksfall, und Somerset ist wunderschön. Es gibt Wildtiere und Vögel. Man kann sich hinsetzen, sein Sandwich essen und hat einen herrlichen Ausblick auf das Glastonbury Tor.»

 

Looking Out

Owens sagt, dass viele ihrer Kunden ältere Menschen sind, die oft mehr Zeit zu Hause verbringen als jüngere Leute. In einem Alter, in dem sich Gefühle der Isolation und der Einsamkeit einstellen können, bietet der Blick aus dem Fenster ein Gefühl von Weite und Schönheit. Einer von Owens’ Kunden ist der pensionierte Psychologe Marco De Alberdi. «Wir haben dieses Haus im Jahr 2015 gebaut», erzählt De Alberdi über sein Zuhause in Somerset. «Und als alles fertig war, konnten wir uns an diesen herrlichen Fenstern und an der traumhaften Aussicht erfreuen. Wir haben das Haus sozusagen um diese Aussicht herum gebaut.»

Als Psychologe kennt De Alberdi die Bedeutung von Fenstern aus einer ganz besonderen Perspektive. «Ich denke, sie haben einen positiven Einfluss auf meine mentale Gesundheit», betont er. De Alberdi beschreibt die Tierwelt, die er von seinem grossen Hauptfenster aus sehen kann, darunter Stare, Wanderfalken und andere Vögel. Die Vorteile von Fenstern sind, dass man die täglichen und die jahreszeitlichen Veränderungen wahrnimmt, fügt er hinzu. «Ich bin jetzt im Ruhestand, deshalb sitze ich oft hier und schaue aus dem Fenster. Es ist interessant zu beobachten, wie sich das Licht über die Landschaft bewegt. Ich habe viel Zeit damit verbracht, nach draussen zu schauen und die wechselnden Farben zu beobachten, und ich male gerne Landschaften.»

 

Looking Out

De Alberdi ist nicht der einzige Rentner, der von seinen Fenstern schwärmt. Der britische Geograf Graham Rowles hat einen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit der sogenannten «Überwachungszone» gewidmet. «Unmittelbar vor jeder Wohnung befindet sich ein Bereich, den man sieht, wenn man aus dem Fenster schaut», schrieb Rowles. «Dieser Raum, der sich im Sichtfeld eines Wohnhauses befindet, kann formal als Überwachungszone bezeichnet werden. Diese Zone wirkt wie ein Vermittler zwischen dem sakralen Raum des Zuhause und der entfernteren Umgebung der Gemeinschaft.» Rowles fand heraus, dass dieser Bereich für ältere Menschen, insbesondere für diejenigen, die am stärksten ans Haus gebunden waren, die erste Möglichkeit war, mit der Aussenwelt zu interagieren. Die Zone diente meist auch einem praktischen Zweck: um nach dem Zeitungsboten Ausschau zu halten, nach dem Garten zu sehen oder die spielenden Kinder der Nachbarschaft im Auge zu behalten.

Charles Musselwhite, ausserordentlicher Professor am Centre for Innovative Ageing der Swansea University, befragte Senioren in Grossbritannien, die ans Haus gebunden sind. Die meisten von ihnen schätzten die Aussicht aus ihrem Fenster so sehr, dass sie ihre Räume absichtlich so einrichteten, dass sie eine bessere Aussicht bieten. «Das Wichtigste für meine Interviewpartner war die Veränderung», schrieb Musselwhite. Seine Befragten beobachteten gerne den Wechsel der Jahreszeiten und die Strassenbauarbeiten.

 

FENSTER ZU HAUSE UND AM ARBEITSPLATZ

Architekten und Ingenieure wissen, dass Menschen Fenster schätzen und dass Fenster die Lebensqualität erheblich verbessern können. Dank der modernen Technik haben immer mehr Menschen die Möglichkeit, den Vorteil von Fenstern zu nutzen, auch in dicht besiedelten Stadtgebieten. Das niederländische Architekturbüro HofmanDujardin Architects hat ein «kinetisches» Wohnungsfenster entworfen, das sich in einen Balkon verwandelt. Jede Wohnung wird dadurch buchstäblich vergrössert, und die Bewohner profitieren von mehr Aussicht und Lichteinfall. In einem Artikel für Architzier.com erzählt der Architekt Michiel Hofman, dass das Fenster Bloomframe genannt wird, weil es sich wie Blütenblätter «öffnet». «Unser Kunde hat die Möglichkeit, morgens per Knopfdruck das Fenster zu einem Balkon aufzuklappen, die Sonne zu geniessen und bei einer Tasse Kaffee auf den Kanal zu schauen», so Hofman. «Es passt sich sozusagen an die Stimmung und an das Verhalten des Benutzers an und kommuniziert mit den Menschen im öffentlichen Raum.»

Auch an unserem Arbeitsplatz spielen Fenster eine wichtige Rolle. Bridgette Spencer, CEO der Spencer Design Group, sagte im Dallas Business Journal: «Ergonomie und Beleuchtung sind immer wichtige Themen» für Arbeitgeber und ihre Mitarbeiter. «Grünflächen und der freie Blick nach draussen werden von vielen Menschen als sehr wichtig empfunden.» Ergänzend fügte sie hinzu, dass Unternehmen, die hochwertige Büroräume (sprich: mit viel Tageslicht und Aussicht) anbieten, in der heutigen Marktsituation in der Lage sind, Top-Mitarbeiter für sich zu gewinnen und auch zu halten. «Wenn Unternehmen A tolle Räumlichkeiten bietet, die attraktiv und funktional zugleich sind, und Unternehmen B ein nur mittelmässiges Raumangebot offerieren kann, was glauben Sie, für welches Unternehmen sich der Bewerber entscheiden wird?»

 

VERBINDUNG VON AUSSENWELT UND INNENRAUM

Im «Open Country»-Podcast sagt John Mardaljevic, dass wir in hochleistungsfähige Fenster investieren müssen, die viel Licht hereinlassen und eine bessere Aussicht bieten und gleichzeitig dafür sorgen, dass störende Blendung und übermässige Erwärmung vermieden werden – vor allem in Geschäftsräumen. «Die dynamische Steuerung des Tageslichts ist sozusagen der heilige Gral der Fensterbaubranche», erläutert Mardaljevic. «Ein Anwärter hierfür ist elektrochromes Glas. Wir können beobachten, dass diese Technologie immer häufiger in Gebäuden verwendet wird. Ich denke, das könnte ein entscheidender Faktor sein.»

Helen Mark wendet sich zum Abschluss der Folge wieder dem schlichten Küchenfenster zu. Sie sagt: «Es gibt immer Bewegung: Wind, der durch die Blätter weht oder Vögel, die von Ast zu Ast fliegen. Es ist vor allem dieses Fenster, das mir das Gefühl gibt, nicht vergessen zu haben, wie viel Freude und Nutzen uns die Natur und die umgebende Landschaft bringen.»

 

Jennifer 

Jennifer Pitterle lebt als Autorin und Redakteurin in Minnesota. Ihr Schwerpunkt liegt auf Lifestyle-Journalismus und kreativen Sachbüchern.

 

 

 

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