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VISIONARY INSIGHTS

Die Soziologie im Dienste der Architektur oder die Gestaltung von komfortablen Gebäuden

Eloïse Sok
19. Juli 2018

Es ist kein Geheimnis mehr, dass Gebäude Einfluss auf unseren Komfort, unser Wohlbefinden und auch auf unsere Gesundheit haben. Zahlreiche wissenschaftliche Studien und Publikationen haben dies bereits belegt. [1] Was kann man aber tun, damit ein Gebäude, seine Innenräume sowie deren Gestaltung, die verwendeten Materialien und Baulösungen uns den gewünschten Komfort bringen? Die Geistes- und Sozialwissenschaften versuchen eine Antwort darauf zu geben.

Ein Gespräch mit Hélène Subrémon, Soziologin beim Forschungsdepartement Saint-Gobain Research über die Gestaltung komfortabler Gebäude.

Was ist die Rolle der Soziologen beim Planen und Entwerfen von Gebäuden?

Hélène Subrémon (H.S.): Die Geisteswissenschaften beschäftigen sich mit der Frage, wie Gesellschaften eine Fläche besetzen oder ihren Lebensraum oder ihre Wohnungen gestalten. Diese Verhaltensweisen spiegeln gleichzeitig die Regeln des Zusammenlebens als auch einer gemeinsamen Wohnkultur wider. Um die Besonderheiten einer Gesellschaft zu erkennen, führen Forscher in den Geisteswissenschaften Felduntersuchungen durch und erstellen Protokolle, in denen sie ihre Beobachtungen oder auch durchgeführte Befragungen bei den Bewohnern festhalten. Den Bau-Unternehmen helfen diese Erkenntnisse dabei, den Zusammenhang zwischen dem verwendeten Baumaterial und einem optimalen Komfort sowie zwischen Bauart und Wohlbefinden zu erkennen.

Tatsächlich ist dieser Zusammenhang nicht ganz offensichtlich. Fragt man beispielsweise einen Hausbewohner nach dem Grund für sein Wohlbefinden, wird dieser wahrscheinlich nicht ums erste die Baumaterialen wie Glaswolle, die Verglasungen oder die Gipstrennwände erwähnen. Stattdessen wird er über die Gestaltung der Räumlichkeiten, die Lichtverhältnisse, den Lärmpegel, die Aussicht aus dem Fenster, die Praxistauglichkeit der Wohnung im Alltag oder die Umgebung sprechen. Dies sind viele Dinge, zu denen die Bauweise beitragen kann. Meine Aufgabe als Soziologin ist es, die unsichtbare Verbindung zwischen den Aussagen der Bewohner und den Gebäudematerialien herzustellen.

Es nicht so einfach, eine allgemeingültige Definition für Komfort zu finden, denn Komfort ist etwas ganz persönliches und intimes. Zum Beispiel nehmen wir die Akustik, die visuelle oder die thermische Qualität eines Raumes unbewusst wahr. Sie sind eher auf der Gefühlsebene zu finden und werden deshalb nicht explizit erwähnt, obwohl sie unbewusst doch wahrgenommen werden. Die Aufgabe der Soziologie besteht darin, sich für die Bedürfnisse und Erwartungen der Menschen zu interessieren, aber auch dafür, wie diese in einem Raum leben. Im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Vorgehensweisen, in welchen Individuen in einer kontrollierten Umgebung gebeten werden, ihre Gefühle explizit auszudrücken, beobachtet, analysiert und identifiziert die Soziologie die „kleinen Verhaltensweisen“ des Alltags und achtet auf die „unscheinbaren Signale“. Sie betrachtet, welche Einrichtung ein angenehmes Raumgefühl erzeugen, wie die Möbel platziert sind; ob eine Pflanze aufgestellt ist und gepflegt wurde oder ob eine Tür oder ein Fenster offen oder geschlossen ist. All dies sind Indikatoren, die etwas über den Komfort aussagen.

Wie erklären Sie sich, dass viele Gebäude heutzutage die Erwartung der Bewohner in Bezug auf Komfort nicht erfüllen?

H.S.: Die Immobilienbranche ist derart von Spekulation geprägt, dass sie zuallererst die finanziellen und technischen Vorgaben erfüllen muss. Bis vor kurzem wurde erwartet, dass sich die Menschen auf ihre Umgebung einstellen. Darüber hinaus hat die Immobilienexpansion in europäischen Grossstädten, insbesondere im Hinblick auf den Komfort (z. B. kleinere Wohn- und Fensterflächen), zu Kompromissen geführt, um die Baukosten möglichst tief zu halten. Die Wohnungen sollten nur das eine Grundbedürfnis erfüllen, nämlich die Beherbergung der Menschen, ohne dabei aber das Wohlergehen zu berücksichtigen. Oder anders ausgedrückt: Es ging zuallererst um die Einhaltung von gesetzlichen Normen und Bestimmungen und die Berücksichtigung von wirtschaftlichen Faktoren. Die Bedürfnisse der Bewohner waren oft zweitrangig.

Was hat die Bauwirtschaft dazu veranlasst, dem Komfort der Bewohner in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit zu schenken?

H.S.: Der Energiediskurs hat das Thema der Behaglichkeit in Gebäuden in den westlichen Ländern vorangetrieben. Die gesetzlichen Änderungen in Bezug auf den Energieverbrauch in Gebäuden ermöglichten es, die Bewohner zu berücksichtigen und Themen wie Akustik, Luftqualität, visuellen Komfort usw. anzusprechen. Glücklicherweise bestreitet heute niemand mehr die Wichtigkeit dieser Komfortindikatoren. Wir arbeiten aber immer noch daran, die Messmethoden zu verbessern.

Es gilt heute ebenfalls, sich auf einem hart umkämpften Markt zu behaupten. Wir können daher erwarten, dass sich die Bau- und Renovierungsbranche an ihre Versprechen nach mehr Komfort hält, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren.

Darüber hinaus wird vielen auch langsam bewusst, dass Komfort zum wirtschaftlichen Erfolg einer Immobilie beitragen kann. Dies gilt sowohl für Bürogebäude, in denen die Fluktuation der Mieter hoch ist, als auch für andere Gebäude mit einer stabileren Wohnungsbelegung.

Wird natürliches Licht als wichtiger Parameter beim Komfort der Bewohner betrachtet?

H.S.: Ich habe während meiner Forschungsarbeiten festgestellt, dass das erste Bedürfnis der Wunsch nach Licht oder einem sonnendurchfluteten Raum ist, das spontan von Menschen unabhängig des Gebäudetyps (Wohnung, Büro etc.) geäussert wird. Eine der interessantesten Eigenschaften des visuellen Komforts, der durch natürliches Licht entsteht, ist, dass andere Nachteile dadurch kompensiert werden können. Zum Beispiel können wir in einem engen Raum oder einem abgedunkelten Raum die Wahrnehmung von mangelndem Komfort auf Grund anderer Aspekte verringern, indem wir die Fensteröffnungen oder die Art der Verglasung verändern oder andere Baumassnahmen vornehmen, die mehr natürliches Licht hereinlassen.

 

Ist sozusagen „die Soziologie im Dienste der Architektur“ ein neues Konzept?

H.S.: Die Architektur und die Geisteswissenschaften haben schon seit langer Zeit einige Gemeinsamkeiten. In den 1970er Jahren führte die Umsetzung einer modernen Architektur und die Industrialisierung der Bauprozesse zu einer starken Betonung der Geisteswissenschaften, insbesondere weil diese Architektur auch die Gesellschaft betraf. Als Humanwissenschaftler interessieren wir uns zunehmen für die Wahrnehmung der Architektur, die zu dieser Zeit in ganz Europa und Nordamerika einheitlich wurde.

Und auch noch heute ist es üblich, dass sich Architekten und Stadtplaner mit Soziologen zusammenarbeiten . Diese Praxis zeigt sich auch bei Unternehmen, die ihre Gebäude sanieren oder Versuchsgebäude bauen wollen.

Kann in Zukunft erwartet werden, dass die Soziologie in der Bauwirtschaft von morgen zur Selbstverständlichkeit wird?

H.S.: Eine solche Vorgehensweite zu systematisieren, erscheint mir doch etwas ambitioniert. Wir beobachten jedoch, dass sie insbesondere in den Dienstleistungsgebäuden zunehmen, die CSR-Initiativen unterstützen. Wenn Gebäude kommerziell genutzt werden oder einen sehr hohen Mietwert haben, wie bei Büroimmobilien beispielsweise, kann der Zusammenhang zwischen der Nutzerzufriedenheit und dem Gebäude leichter mit einem Geldwert ausgedrückt werden und damit objektiv bewertet werden.

Im Bereich der Renovationen ist eine Befragung der Bewohner üblicher, da die Bedürfnisse der Anwohner berücksichtigt werden muss. Bei Neubauten besteht die Schwierigkeit darin, dass die Bewohner noch nicht bekannt sind. Dadurch ist es für Sozialwissenschaftler schwieriger die Bedürfnisse der Nutzer und die Raumnutzungen vorherzusehen und die Räume entsprechend zu gestalten. Angesichts dieses unbekannten Faktors übertragen einige Architekten ihre eigene Vision, was ein Arbeitsplatz, ein Lebensraum und so weiter ausmacht, auf das Projekt. Und das kann letztlich dazu führen, dass das Gebäudedesign, die Farbkombinationen und die Materialien sich nur schwer mit den alltäglichen Bedürfnissen der Bewohner in Einklang bringen lassen.

 

Glauben Sie, dass es eines Tages gelingen wird, komplett komfortable Gebäude zu bauen?

H.S.: Ich glaube nicht, dass wir so weit kommen werden, dass die von einem Ingenieur entworfenen Umgebungen, d.h. mit optimalen räumlichen Bedingungen, zu 100 % komfortabel sein werden. Die Vielfalt an Individuen, Nutzungen der Lebensräume sowie Lebensstilen bedeutet, dass wir niemals eine gemeinsame Bauart finden werden, die alle zufrieden stellen wird. Aber das ist vielleicht auch gut so. Ausserdem wird es immer eine Diskrepanz zwischen den angebotenen Baustilen und Lösungen und den Erwartungen der Menschen geben, denn sie entwickeln sich ständig weiter. Das Ziel besteht nicht darin, die Bedürfnisse der Menschen vollständig zu befriedigen, sondern die Lücke zwischen ihren Ansprüchen und den Umsetzungsmöglichkeiten zu verringern. Die verbleibende Lücke wird Ausdruck unserer Vielfalt als Individuen, und soll Teil unserer sozialen und kulturellen Vielfalt bleiben.

Und letztendlich passen sich die Menschen auch an ihre Umgebung an. Man sollte ihnen aber auch die Freiheit lassen, zu einem gewissen Grad einen Raum frei zu gestalten. Zum Beispiel indem sie Pflanzen in ihr Büro stellen, um einen Mangel an natürlichem Licht, eine unbefriedigende Aussicht oder ein Büro mit monotonen Farben zu kompensieren. Dies lässt jedem einzelnen genügend Spielraum, um sich persönlich zu entfalten und seiner Kultur und Persönlichkeit Platz zu geben. Dies ist für den Menschen ebenso lebensnotwendig! Auch hilft es, sich mit einem gewissen Mangel an Komfort abzufinden.

Hélène Subrémon ist seit 2015 Wohnsoziologin beim Departement Saint-Gobain Research. Sie ist Teil des Teams Design und User Experience und ist am F&E-Programm „Building Science“ beteiligt.

Hélène arbeitet an in verschiedenen Bereichen des Konzerns (Verglasung, Isolierung, Verteilung usw.) und hilft diesen bei der Berücksichtigung der Wahrnehmung und der Erwartungen, die Kunden und Gebäudenutzer in Bezug auf Komfort haben. Bevor sie zu Saint-Gobain kam, war Hélène an der Ecole des Ponts ParisTech tätig, und befasste sich mit Themen im Zusammenhang mit der Veränderung von Grossstädten, Gebäuden und deren Nutzung.


1The business case for green building, World Green Building Council Report, 2013

 

Zusätzliche Informationen: