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VISIONARY INSIGHTS

Der Blick in die Natur fördert unsere geistige und körperliche Gesundheit

Eloïse Sok-Paupardin
2. April 2019

Wenn Sie regelmässig unseren Blog verfolgen oder ein aktiver Verfechter einer auf den Menschen ausgerichteten Architektur, ein Naturliebhaber oder Philanthrop sind, ist Ihnen das Konzept der Biophilie wahrscheinlich bereits vertraut. (Falls nicht, lesen Sie unseren letzten Blogartikel zu diesem Thema. Zuletzt habe ich mich der Herausforderung gestellt, die Mechanismen etwas genauer zu beleuchten, die hinter den positiven Auswirkungen der Natur auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen stecken. Kürzlich habe ich daher die Theorie zur Wiederherstellung der Aufmerksamkeit (Attention Restoration Theory, ART) vorgestellt, die sich mit den Auswirkungen natürlicher Umgebungen auf unsere geistige Leistungsfähigkeit befasst. Heute beschäftigen wir uns mit einer ergänzenden Theorie, einer Theorie über eine der grössten Beschwerden unseres Alltags: den Stress.

Konstante Reizüberflutung in Städten birgt Gefahren für unsere geistige Gesundheit

Derzeit leben mehr als 50 % der Weltbevölkerung in Städten, und dieser Anteil wird sich Prognosen zufolge bis 2050 auf 70 % erhöhen. Aus zahlreichen Studien geht hervor, dass das Leben in einer Stadt verglichen mit ländlichen Gebieten mit einem erhöhten Risiko für die psychische Gesundheit einhergeht: Unter anderem wurde ein um fast 40 % höheres Risiko festgestellt, an einer Depression zu erkranken. Das Risiko für Schizophrenie ist fast doppelt so hoch und das für Angststörungen, Stress und Isolation sogar noch höher.1

Was sind die Gründe dafür? Einer der Gründe besteht darin, dass es in der Stadt nur selten zu Situationen kommt, die körperlich und geistig «erholsam» sind. Ganz im Gegenteil: wir sind im Allgemeinen ständig in Bewegung und werden kontinuierlich mit einer Vielzahl von Informationen überflutet: Lärm, Gedränge, Verkehr, verschiedene Gerüche, Lichter usw. Hinzu kommen die Umweltverschmutzung, das Pendeln zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, höhere Kriminalitätsraten und vieles mehr. Diese zahlreichen Stressfaktoren führen immer häufiger zu chronischem Stress, der nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat.

Heute sind fast 450 Millionen Menschen weltweit von psychischen Krankheiten betroffen.2 Zusammen verursachen diese Krankheiten Kosten in Höhe von 2,5 Billionen US-Dollar3 für die Weltwirtschaft und gelten zurecht als eine der wesentlichen Herausforderungen für das Gesundheitswesen in diesem Jahrhundert.

 

Karte der Bevölkerungsanteile mit psychischen Problemen weltweit 2016 (Quelle: ourworldindata.org).


 

Unserer Arbeitsplätze: Verursacher von Stress und psychischen Problemen

Von psychischen Problemen am Arbeitsplatz sind zudem zahlreiche Arbeitnehmer betroffen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leitet sogar jeder fünfte an psychischen Problemen am Arbeitsplatz. Damit ist Stress einer der grössten Faktoren für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Magen-Darm-Trakts sowie des Nervensystems.Zu den belegten Stressverursachern gehören heute u. a. eine zu hohe Arbeitsbelastung, Druck durch Vorgesetzte, Konflikte mit Kollegen, eine ungewisse Zukunft des Arbeitsplatzes und eine laute Bürolandschaft. Die Folge: höhere Ausfallzeiten und eine signifikant verringerte Produktivität. Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen für Unternehmen sind nicht zu unterschätzen: Verluste in Höhe von bis zu 15 Mrd. GBP in Grossbritannienund 79 Mrd. GBP in den USA.6

 

Presseberichte von psychischen Probleme am Arbeitsplatz.

Kleiner Exkurs zur Entstehung von Stress

Bevor wir uns mit möglichen Lösungen für Stress auseinandersetzen, kann es interessant sein, sich etwas genauer mit den körperlichen Vorgängen von Stresssituationen zu befassen.

Stress kann als Reaktion unseres Körpers auf Situationen definiert werden, die wir als anstrengend oder bedrohlich wahrnehmen. Diese Reaktion hängt direkt mit unserem vegetativen Nervensystem zusammen, das die sogenannten unwillkürlichen bzw. automatischen Funktionen der inneren Organe wie Herzschlag, Atmung, Verdauung, Urinbildung, Pupillenreaktion usw. kontrolliert. Wenn wir Stress ausgesetzt sind, reagiert unser Gehirn und versetzt unseren Körper (mithilfe des sympathischen Nervensystems, auch Sympathikus genannt) in den «Kampf- oder Fluchtmodus». Dabei wird durch die Freisetzung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin die Herzfrequenz beschleunigt, die Schweissproduktion angeregt und die Verdauung verlangsamt. Ist die Stresssituation vorüber, kehrt der Körper (mithilfe des parasympathischen Nervensystems, auch Parasympathikus genannt, dem Gegenspieler des Sympathikus) in den Gleichgewichtszustand des «Ruhe- und Verdauungsmodus» zurück. Die Herzfrequenz wird verlangsamt, die Blutgefässe weiten sich und die Verdauung wird wieder aktiviert.7

 

Das vegetative Nervensystem steuert unsere Reaktion auf Stress (Quelle: Jerath et al, A unified 3D default space consciousness model combining neurological and physiological processes that underlie conscious experience).

Zu Beginn der Menschheitsgeschichte war dies die passende Reaktion auf Gefahrensituationen oder akute Bedrohungen, z. B. durch ein Raubtier. Heute allerdings sind insbesondere im städtischen Umfeld Gefahrensituationen längst nicht mehr die einzigen Auslöser von Stress. Unser Körper reagiert bei allen Arten von Stressreizen ebenfalls auf diese Weise und verfällt so in einen chronischen Stresszustand. Und die Folgen für unsere Gesundheit sind dann wesentlich schwerwiegender als bei lediglich kurzen, punktuellen, aber intensiven Stresssituationen.

Die Natur löst positive Gefühle aus und entspannt

Glücklicherweise können uns natürliche Umgebungen dabei unterstützen, Stress abzubauen und die damit verbundenen Risiken in Bezug auf psychische Erkrankungen zu reduzieren.

Auf der Grundlage zahlreicher Studien, die insbesondere in Krankenhäusern durchgeführt wurden, entwickelte R. Ulrich 1991 die Theorie zur Stressreduktion (Stress Reduction Theory, SRT), um unsere emotionalen und körperlichen Reaktionen auf Elemente der Natur zu erklären.8 Die Theorie besagt, dass die Betrachtung von Naturszenen mit Pflanzen oder Wasser positive Emotionen, Wohlbefinden und Ruhe auslösen. Dies trägt dazu bei, den infolge einer Stresssituation ausgelösten Zustand im Körper zu beenden, und übt eine regenerative Wirkung auf uns aus. Wir fühlen uns in der Folge direkt besser.9

 

 

Eine von zahlreichen Studien gestützte Theorie

Der Glaube an die regenerativen und therapeutischen Eigenschaften der Natur als Medizin gegen die schädlichen Auswirkungen der Stadt besteht bereits seit vielen Jahrhunderten. So stellten bereits die alten Römer fest, dass der Kontakt mit der Natur ein effektives Gegenmittel gegen den Lärm und die Menschenmassen in einer Stadt darstellt.10 In jüngerer Vergangenheit wurde die Theorie von Ulrich durch zahlreiche empirische Studien bestätigt, die mit Krankenhauspatienten,11 Gefängnisinsassen,12 WG-Mitgliedern,13 Büroangestellten14 und Schülern und Studenten15 durchgeführt wurden. Die Ergebnisse belegen die positiven körperlichen Auswirkungen, die sich durch die Betrachtung der Natur ergeben: Der Blutdruck sinkt, der Herzrhythmus verlangsamt sich, der Cortisolspiegel fällt, die Schweissproduktion stellt sich ein, die Muskeln entspannen sich usw. All dies sind Zeichen für einen aktiven Parasympathikus. Die psychologischen Auswirkungen, insbesondere in Bezug auf die Stimmung, das Angstgefühl, das Wohlbefinden oder die Entspannung, wurden ebenfalls verbessert.

 

Auswirkungen eines Naturerlebnisses auf den Blutdruck (Quelle: Physiological Effects of Forest Recreation in a Young Conifer Forest in Hinokage Town, Japan, Park and al. )

 

Die Vorteile der Natur gehen auf den Neandertaler zurück

Erklärungen für die beschriebenen positiven Auswirkungen der Natur lassen sich in der Evolution des Menschen finden. Somit ist die Theorie zur Stressreduktion von Ulrich eine sogenannte «psychoevolutionäre» Theorie.

Für den grössten Teil der Menschheitsgeschichte lebte der Mensch im Freien. Erst vor wenigen Jahrhunderten ist er sesshaft geworden und hat begonnen, Städte zu bauen und in Gebäuden zu leben. Unser Organismus konnte sich aber noch nicht an diese neuen Umgebungsbedingungen anpassen. Daher haben wir nach wie vor eine inhärente Affinität zur Natur. Dies wird auch als Biophilie bezeichnet. Ebenso reagieren wir noch immer positiv auf natürliche Umgebungen, die vermutlich dem Überleben unserer Vorfahren zuträglich waren: Wasser- und Nahrungsquellen, Bäume mit ausladenden Kronen und Blätterdächern oder Höhlen und Felswände, die bei Gefahr Zufluchtsorte und Beobachtungspunkte boten.7, 16 Da solche Umgebungen zum Wohlergehen und Überleben der ersten Menschen beigetragen haben, erregt ihr Anblick beim modernen Menschen noch heute ein Gefühl der Freude und der Ruhe. Sie tragen dazu bei, negative Emotionen zu blockieren und bauen unseren täglichen Stress ab.

 

 

Savannenartige Landschaften erzeugen positive Emotionen und sorgen für Entspannung.

 

Fazit: Stress und psychische Probleme lassen sich durch den Blick auf die Natur vermeiden

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es mittlerweile als wissenschaftlich erwiesen gilt, dass das Leben und Arbeiten in der Nähe von Grünanlagen sowie der freie Blick auf Pflanzen und Wasser signifikant zum Abbau von Stress beitragen und unsere Lebensqualität und Gesundheit verbessern.

Doch auch wenn Sie sich nicht mitten im amerikanischen Yosemite-Nationalpark oder unter den argentinischen Wasserfällen von Iguazú befindet, müssen Sie sich nicht unglücklich schätzen! Wenn Sie in einer Metropole leben und arbeiten, reichen bereits ein Teich, ein fliessendes Gewässer, Bäume oder Pflanzen in Parks, Gärten oder auch Grünanlagen an Gebäudefassaden oder auf -dächern v für einen spürbaren positiven Effekt.17 Die gute Nachricht: Wie bereits im letzten Artikel über die positiven Auswirkungen der Natur auf die Aufmerksamkeitsfähigkeit erwähnt, wird die Begrünung und die Förderung der Artenvielfalt immer häufiger in Gebäude- und Städtebauplänen berücksichtigt.

Begrünung und Förderung der Artenvielfalt sind immer häufiger Teil der Gebäude- und Städtebauplanung.

In Pflegeeinrichtungen, besonders in den USA, kann bereits seit einigen Jahrzehnten das verstärkte Aufkommen von sogenannten «therapeutischen» Gärten beobachtet werden. Diese sollen dazu beitragen, Ängste zu reduzieren, Symptome depressiver Erkrankungen zu lindern, den Bedarf an Schmerzmitteln zu verringern sowie die Schlaf- und Lebensqualität der Patienten zu verbessern.18 Solche Gärten fördern übrigens auch das Wohlbefinden der Pflegekräfte und Besucher, da sie dort spazieren gehen können. Auf dem Wohnungsmarkt sind Objekte mit Blick auf die Natur meist sehr gefragt und in der Regel auch sehr teuer.19 Ähnliches gilt für das Hotelgewerbe, wo beispielsweise Zimmer mit Meerblick zu den teuersten zählen.20 In Bürogebäuden stellt das Konzept der Biophilie ebenfalls einen bedeutenden Trend dar: Zu den dort umgesetzten Strategien zur Steigerung des Wohlbefindens, der Zufriedenheit und der Produktivität der Mitarbeiter gehören eine möglichst umfangreiche Sicht auf Grünflächen im Aussenbereich der Arbeitsplätze, die Integration von Lichthöfen und Innengärten, begrünten Wänden usw.21

In jedem Fall sind grosse Fenster unabdingbar, um den Menschen in Gebäuden vom Innenbereich aus (wo wir, daran sei an dieser Stelle erinnert, 90 % unserer Zeit zubringen) eine angenehme und ungestörte Sichtverbindung zur Natur zu bieten und somit eine Erholung von Stresssituationen zu ermöglichen. Gleichzeitig lassen grosse Fenster viel Tageslicht ins Innere, das zur Regulierung unseres biologischen Rhythmus beiträgt und ebenso eine therapeutische Wirkung hat. Allerdings ist es wichtig, den Lichteintrag kontrollieren zu können, um Blendeffekte und unangenehme Temperaturbedingungen zu vermeiden.

 

Ein ungestörtes und weites Blickfeld durch die Fenster ermöglicht eine durchgehende Sichtverbindung mit der Natur, die den Stressabbau fördert.

Trotz alledem sollten Sie sich hin und wieder eine kurze Pause im Freien gönnen, ein paar Schritte spazieren gehen und frische Luft tanken. All dies ist ebenso wichtig, um gesund zu bleiben. Und wenn das noch nicht genügt, haben Sie immer noch die Möglichkeit, den Kanal von National Geographic zu abonnieren, um in Ihrer Freizeit die Natur zu bewundern.

 

Eloise SokEloïse Sok ist Concept Creator bei SageGlass Europa & Mittleren Osten. Sie hat einen universitären Doppelabschluss im Bereich Ingenieurwissenschaften der Ecole Centrale in Frankreich und der Tsinghua Universität in China. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen nachhaltiges Bauwesen, Tageslicht und der Komfort der Gebäudenutzer. Ihr Motto: "Leidenschaft ist unsere grösste Stärke".

 

 


 

1 Gruebner O, Rapp MA, Adli M, Kluge U, Galea S, Heinz A: Cities and mental health. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 121 DOI: 10.3238/arztebl.2017.0121

2 Investing in Mental Health, World Health Organization

3 S. Trautman et al, The economic costs of mental disorders. Do our societies react appropriately to the burden of mental disorders?

4 K. Nilsson, M. Sangster, C. Gallis, T. Hartig, S. de Vries, K. Seeland, et al. (Eds.), Forest, trees and human health, Springer Science +Business Media (2011), pp. 1-19

5 At a tipping point? Workplace mental health and wellbeing, March 2017, Deloitte

6 U.S. Surgeon General’s Report on Mental Health, 1999

7 Magdalena M.H.E. van den Berg et al, Autonomic Nervous System Responses to Viewing Green and Built Settings: Differentiating Between Sympathetic and Parasympathetic Activity, Int. J. Environ. Res. Public Health 2015, 12(12), 15860-15874;

8 R.S. Ulrich, R.F. Simons, B.D. Losito, E. Fiorito, M.A. Miles, M. Zelson Stress recovery during exposure to natural and urban environments Journal of Environmental Psychology, 11 (1991), pp. 201-230

9 9 R.S. Ulrich, Aesthetic and affective response to natural environments, In I. Altman & J. Wohlwill (Eds.), Human Behavior and Environment, Vo1.6: Behavior and Natural Environment, New York: Plenum, 85-1 25

10 Wolf, K.L., S. Krueger, and M.A. Rozance. 2014 Stress, Wellness & Physiology - A Literature Review. In: Green Cities: Good Health (www.greenhealth.washington.edu). College of the Environment, University of Washington.

11 R.S. Ulrich, View through a window may influence recovery from surgery, Science, 224 (1984), pp. 420-421

12 E.O. Moore (1982) A prison environment’s effect on health care service demands. Journal of Environmental Systems, 11, 17-34

13 Ward Thompson C, Roe J, Aspinall P, Mitchell R, Clow A, Miller D (2012) More green space is linked to less stress in deprived communities: evidence from salivary cortisol patterns. Landsc Urban Plan 105:221–229

14 W.S. Shin, The influence of forest view through a window on job satisfaction and job stress, Scandinavian Journal of Forest Research, 2007; 22: 248253

15 Ulrich, R.S. 1979 Visual landscapes and psychological well-being. Landscape Res. 0.44-23

16 Orians GH, Heerwagen JH (1992) Evolved responses to landscapes. In Barkow JH, Cosmides L, Tooby J eds. The adapted mind: evolutionary psychology and the generation of culture. Oxford Univ. Press, New York, 555 -579

17 Stigsdotter, Ulrika. (2019). Urban Green Spaces: promoting health through city planning

18 C.C. Marcus, Healing Gardens in Hospitals, Volume I, Issue I: Design and Health, January, 2007.

19 R. Kaplan, The Nature of the View from Home: Psychological Benefits, Environment and Behavior, 2001.

20 Human Spaces 2.0: Biophilic Design in Hospitality

21 K. Gilchrist et al. Workplace settings and wellbeing: Greenspace use and views contribute to employee wellbeing at peri-urban business sites / Landscape and Urban Planning 138 (2015) 32–40

 

Zusätzliche Informationen: