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VISIONARY INSIGHTS

Alliästhesie in Gebäuden – eine faszinierende Betrachtungsweise des thermischen und visuellen Komforts

Eloïse Sok
12. November 2018

Die Idee zu diesem Blog kam mir nach dem Lesen des Artikels von Terrapin Bright Green, der sich mit dem Konzept der Alliästhesie im Zusammenhang mit der Gestaltung von Gebäuden beschäftigt hat.

Der genannte Artikel beschreibt hauptsächlich die thermische Komponente der Allästhesie und definiert sie als „den Einfluss der thermisch dynamischen Umgebung auf die Steigerung der Zufriedenheit der Personen im Vergleich zu einer thermisch statischen Umgebung, insbesondere den Übergang von einem ‚neutralen‘ zu einem angenehmen Wärmegefühl“. Verständlicher ausgedrückt geht es darum, dass wir wechselnde Temperaturen, die uns aus einer leichten Unbehaglichkeit in einen Zustand einer behaglichen Wärmeempfindung versetzen, als angenehm erleben. Umgekehrt werden konstante Temperaturen als unangenehm empfunden.

Dies kann man leicht verstehen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem schönen Sommertag auf einer Bank in der Sonne. Die Sonne wärmt Sie und Ihnen wird sogar etwas heiss. Plötzlich streift dann eine leichte Brise Ihr Gesicht. Empfinden Sie dies nicht als angenehm? Aber wenn Sie sich nun vorstellen, dass dieselbe Brise dauerhaft bläst, würden Sie dies nicht mehr als so angenehm empfinden.

Diese Empfindung erleben wir auch bei anderen körperlichen Reizen wie Hunger oder Durst. Ein Glas Wasser zum Beispiel stillt den Durst einer dehydrierten Person und sie empfindet sie als ausserordentlich angenehm. Wenn der Durst erst einmal gestillt ist, nimmt das Genussempfinden aber deutlich ab.1

Lässt sich diese Theorie auf andere Empfindungen übertragen?

Eine Frage, die ich mir direkt nach der Lektüre des Artikels stellte, war: Aber was ist mit anderen Reizen wie Licht? Lässt sich das Prinzip der Alliästhesie hier genauso anwenden? Braucht der Mensch auch unterschiedliche Licht- und Sichtbedingungen, um ein gewisses Gefühl der Zufriedenheit zu erlangen?

Betrachten Sie das nachfolgende Bild:

Erscheint Ihnen dieser Raum einladend und gemütlich? Können Sie sich vorstellen, dort den gesamten Tag zu verbringen? Ich persönlich brauche keine ausgefeilten wissenschaftlichen Studien, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass ich mich in einem solchen Raum nicht wohlfühlen würde. Intuitiv würden wir also die Frage, ob wir unterschiedliche Lichtverhältnisse als angenehm empfinden, bejahen.

Nach einigen Recherchen lassen sich nur wenige wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema finden. Aber die Veröffentlichungen scheinen zu bestätigen, dass es durchaus eine visuelle Alliästhesie gibt. Obwohl sich die physikalischen und physiologischen Mechanismen von denen der medizinischen und thermischen Alliästhesie unterscheiden, scheinen verändernde Lichtverhältnisse in einem Raum doch als angenehmer und wohltuender empfunden zu werden als eine gleichbleibende und statische Beleuchtung.

Aus physiologischer Sicht wissen wir heute, dass dynamisches Licht wie das Sonnenlicht für nichtvisuelle Effekte, die es erzeugt, von Vorteil ist (Wenn Sie verwirrt sind, dann lesen Sie diesen Artikel). Zudem beeinflussen aus psychologischer und emotionaler Sicht unterschiedliche Lichtverhältnisse unsere Wahrnehmung eines Orts. Studien haben ergeben, dass sich eine bestimmte Vielfalt von Lichtverhältnissen (im Hinblick auf Intensität und Verteilung) positiv auf unsere Wahrnehmung der Qualität und Attraktivität eines Ortes auswirkt.2  Andere Veröffentlichungen3 nehmen auf mehrere Studien Bezug, die zeigen, dass wir moderat wechselnde Sinneseindrücke in unserer Umgebung schätzen. Dazu gehören auch variierende Licht-, Schall- und Temperaturverhältnisse, während eine Umgebung ohne Sinnesreize und Abwechslung Langeweile und Passivität hervorrufen kann.

Der natürliche Lichteinfall eröffnet dem Besucher des Zentralhofs im Britischen Museum Queen Elizabeth II eine einzigartige visuelle und sinnliche Erfahrung (Quelle: https://blog.britishmuseaum.org).

Welchen Einfluss hat das auf die Gestaltung unserer Gebäude?

Die Einführung der Alliästhesie von Cabanac in die Gebäudekonstruktion  im Jahre 1971 hat dazu beigetragen, unsere Wahrnehmung der Innenräume und ihrer Wärmeverhältnisse, zu hinterfragen. Tatsächlich galt es lange Zeit, die Innentemperatur von Gebäuden künstlich auf dem Niveau eines theoretisch optimalen Richtwerts zu halten. Dieser eher statischen Auffassung von Wärmekomfort steht die Alliästhesie gegenüber, die besagt, dass sich der Mensch an ein gewisses Gefühl der Unbehaglichkeit anpassen kann. Zum Beispiel kann dies durch entsprechende Kleidung oder einen Ortswechsel erfolgen.Die letztere Betrachtungsweise öffnete dann wieder den Markt für die Planung von Gebäuden, die nicht klimatisiert und natürlich belüftet wurden. Haben die Gebäude zudem auch Zugang zu Sonnenlicht, können variable klimatische Bedingungen geschaffen werden, die möglicherweise denen der Natur ähneln und die daher von den Bewohnern umso mehr geschätzt werden.

Was die Sicht- und Lichtverhältnisse betrifft, bedeutet wechselndes Licht natürliches Tageslicht! Da es von Natur aus dynamisch im Hinblick auf Intensität, Farbspektrum und Richtung ist, ist das Tageslicht selbstverständlich die nächstliegende Lösung für die Gestaltung von Innenräumen mit einer zeitlichen und räumlichen Variabilität von Lichtverhältnissen. Grosse Fensteröffnungen und geringe Raumtiefe helfen, das natürliche Licht optimal auszunutzen. Natürlich muss trotzdem darauf geachtet werden, dieses Licht intelligent zu steuern, um extreme Unterschiede zu vermeiden, die Unbehagen verursachen können. Schliesslich kann die sogenannte „biodynamische“ Beleuchtung, die ihre Farbe und Intensität tagsüber verändern kann, berücksichtigt werden.

Dynamische Variationen des Tageslichts von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang (Quelle: https://community.smartthings.com/t/circadian-daylight-smartthings-smart...).

Wenn man diese bewährten Regeln beachtet, können die Zahl der Räume mit gleichförmiger Beleuchtung, die hauptsächlich mit elektrischem Licht versorgt werden, beschränkt werden. Diese finden sich häufig in von morgens bis abends beleuchteten Bürogebäuden, in denen versucht wird, eine gleichmässige Lichtversorgung zu erreichen, deren Richtwert aber ausschliesslich auf der Grundlage der visuellen Leistungsfähigkeit berechnet wird (zum Beispiel gelten 300 lux in Büroräumen als Standardwert, um eine visuelle Aufgabe korrekt und ohne Ermüdungserscheinungen der Augen ausführen zu können). Allerdings könnte wie bei der thermischen Gestaltung von Räumen dieser letzte Punkt kritisch hinterfragt werden.

Die positiven Wirkungen auf die Bewohner

Einige Studien belegen den positiven Einfluss von Räumen mit wechselnden Umgebungsbedingungen auf das Wohlbefinden und die kognitive Leistungsfähigkeit. Darüber hinaus ist es interessant hervorzuheben, dass thermische Variabilität und dynamisches Licht zu den wichtigen Grundsätzen der sogenannten biophilen Gestaltunggehören, die das Wohlbefinden und die Gesundheit der Bewohner eines Gebäudes verbessern. Für weitere Informationen empfehle ich, den vorhergehenden Blogbeitrag zu dem Thema zu lesen.

Um das Thema abzuschliessen und den Unterschied zwischen einer Umgebung mit „neutralen“ und absolut konstanten Bedingungen und einer atmosphärisch variablen Umgebung mit vielfältigen Sinnesreizen zu illustrieren, möchte ich Ihnen folgende Metapher von L. Heshong7 erwähnen, die ich selbst als Gourmet und Liebhaberin guter Küche für sehr aufschlussreich halte:

"Wir können einen Vergleich der Befriedigung zu unseren Nahrungsbedürfnissen ziehen. Nahrung ist für uns ebenso überlebenswichtig wie unsere thermische Umgebung… Es ist theoretisch möglich, unseren gesamten Nährstoffbedarf mit ein paar Pillen oder Infusionen zu decken. Aber niemand würde leugnen, dass Nahrung auch eine grosse Rolle in unserem kulturellen Leben spielt. Ein paar Röhrchen pampiger Astronautennahrung können ein Feinschmeckermahl nicht ersetzen… Sie haben nichts mehr mit den Bräuchen zu tun, die sich rund um das Essen entwickelt haben… Diese Sinnlichkeit, die kulturelle Bedeutung und Symbolik wohnt auch der thermischen Umgebung inne und sollte bei der Gestaltung im Namen einer thermisch neutralen Welt nicht vernachlässigt werden.“

 

Eloise SokEloïse Sok ist Concept Creator bei SageGlass Europa & Mittleren Osten. Sie hat einen universitären Doppelabschluss im Bereich Ingenieurwissenschaften der Ecole Centrale in Frankreich und der Tsinghua Universität in China. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen nachhaltiges Bauwesen, Tageslicht und der Komfort der Gebäudenutzer. Ihr Motto: "Leidenschaft ist unsere grösste Stärke".

 

 


 

1 von Dear R (2011) Revisiting an old hypothesis of human thermal perception: alliesthesia. Build Res Inf 39(2):108–117

2 Rockcastle, S. et al. A Simulation-based workflow to assess human-centric daylight performance, SimAUD 2017 May 22-24 Toronto, Canada

3 Heerwagen, J.H. Investing In People: The Social Benefits of Sustainable Design. Rethinking Sustainable Construction. Sarasota, FL. September 19-22, 2006

4 Cabanac, M. Physiological role of pleasure, Science 17 Sep 1971: Vol. 173, Issue 4002, pp. 1103-1107

5 von Dear, R. Thermal counterpoint in the phenomenology of architecture – A Phsychophysiological explanation of Heschong’s ‘Thermal Delight’, 2014

6 14 Modèles de conception biophilique [14 biophilic design models], Terrapin Bright Green, 2016

7 Heshong, L. Thermal Delight in Architecture, 1978

 

Zusätzliche Informationen: