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VISIONARY INSIGHTS

8. Velux Daylight Symposium

Eloïse Sok-Paupardin
14. November 2019

Letzten Monat nahm ich am 8. Velux Daylight Symposium teil. Dieses fand im Carreau du Temple, einer prächtigen Markthalle in Paris aus dem 19. Jahrhundert, statt. Auf dem alle zwei Jahre veranstalteten Symposium kommen Bauplaner, Forscher, Bauträger und Gebäudenutzer aus aller Welt zusammen, um darüber zu diskutieren, wie das Raumklima für Gebäudenutzer durch mehr Tageslicht verbessert werden könnte. Das Symposium ist DIE Veranstaltung, die Sie auf keinen Fall verpassen dürfen, wenn Tageslicht, Komfort, Wohlbefinden und Nachhaltigkeit feste Bestandteile Ihrer täglichen Arbeit sind.

Ich war einmal mehr von der Qualität der Redner und ihrer Innovationen begeistert: Ob führende Gestaltungsexperten, die Räume elegant durch Tageslicht in Szene setzen, oder renommierte Forscher, die den verschiedenen wissenschaftlichen Aspekten näher auf den Grund gehen – sie alle eint das Ziel, bessere Gebäude zu bauen, bei denen die Natur und der Mensch im Mittelpunkt stehen. Leider kann ich nicht auf alle Erkenntnisse des Symposiums eingehen. Dennoch möchte ich von zwei Themenbereichen berichten, die bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

 

Eine freie Sicht nach draussen gewinnt zunehmend an Bedeutung

In mehreren Vorträgen wurde eine freie Sicht nach draussen als eines der Hauptkriterien für die Raumqualität und als einer der wichtigsten Faktoren für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Gebäudenutzer hervorgehoben. Den Anfang machte die bekannte Architektin Lisa Heschong1 die ihren Vortrag mit den folgenden Worten begann: «Eine freie Sicht nach draussen ist wahrscheinlich der Faktor, der am ehesten für selbstverständlich gehalten und am wenigsten verstanden wird.» In diesem Satz steckt so viel Wahres! Schliesslich wünschen wir uns doch alle grosse Fenster mit einer schönen Aussicht, sei es nun im Büro oder zu Hause. Laut einer aktuellen Untersuchung des MIT̶ – die übrigens Thema eines anderen Vortrags in der Plenarsitzung war – sind wir sogar bereit, für eine solche Aussicht eine im Durchschnitt um 5,9 % höhere Miete in Kauf zu nehmen. Doch nur wenige von uns sind sich bewusst, dass sich eine freie Sicht nach draussen tatsächlich positiv auf unsere kognitive Leistung und unsere Gesundheit auswirken kann. Zur Untermauerung dieser These berichtete sie von zwei äusserst interessanten Forschungsergebnissen:

1. Eine freie Sicht nach draussen kann sich auf unseren Biorhythmus auswirken

Bisher ging man davon aus, dass unsere innere Uhr und unser Biorhythmus von Faktoren wie dem Lichtspektrum, der Intensität, der Dauer, dem Zeitpunkt sowie dem Verlauf der Lichteinwirkung auf unseren Körper bestimmt werden. Forschungen haben jedoch ergeben, dass eine engere Korrelation zwischen dem, was wir sehen, und dem potenziellen Einfluss auf den Biorhythmus besteht als bisher angenommen. Anders ausgedrückt: Was wir sehen, ist für unsere Schlafqualität, unsere Aufmerksamkeit, unsere Stimmung usw. von wesentlich grösserer Bedeutung als Tageslicht selbst.

2.  Was wir sehen, fördert das Tagträumen

Eine Studie der Harvard University kam zum Ergebnis, dass Mitarbeiter in den USA die Hälfte ihrer Wachzeit mit «Mind-Wandering», also mit dem Schweifenlassen ihrer Gedanken, verbringen. Während lange davon ausgegangen wurde, dass die Produktivität von Mitarbeitern unter diesem sogenannten Mind-Wandering leidet, ergaben neuere neurowissenschaftliche Forschungen, dass es sich sogar positiv auf unsere kognitive Leistung auswirken kann. Zum Beispiel kann es förderlich für das Arbeitsgedächtnis oder kreative Problemlösungen sein. Durch den Blick nach draussen kann anscheinend die Realität kurzzeitig ausgeblendet werden und Probleme besser zu lösen. Vielleicht ist Mind-Wandering auch eines der komplexen Mechanismen, die in der Theorie zur Wiederherstellung der Aufmerksamkeitsfähigkeit (Attention Restoration Theory, ART) beschrieben werden. Oder es könnte sich um ein vollkommen anderes, neues Konzept handeln. Dieser Frage werde ich in künftigen Artikeln sicherlich genauer auf den Grund gehen.

 

«Eine freie Sicht nach draussen muss in der Architektur stärker berücksichtigt werden», so das Fazit von Lisa Heschong.

Angesichts solch faszinierender Erkenntnisse ist es nicht verwunderlich, dass eine freie Sicht nach draussen auch Gegenstand verschiedener anderer Untersuchungen ist, die derzeit durchgeführt werden und die während der Sitzung am Nachmittag vorgestellt wurden. Dazu gehören unter anderem die Entwicklung neuer Kennzahlen zur Quantifizierung der Aussicht (Aarhus University, Dänemark), Modelle, mit denen vorhergesagt werden soll, was unsere visuelle Aufmerksamkeit weckt (EPFL, Schweiz), sowie Methoden zur dynamischen Bewertung der Aussicht (Queensland University of Technology, Australien). Interessant war zudem die Erkenntnis, dass bei der Beurteilung des Raumerlebnisses für Gebäudenutzer im Rahmen der Optimierung von Fenstergrösse und Fassadengeometrie die für die Sicht nach draussen zur Verfügung stehende freie Fensterfläche systematisch berücksichtigt wird (University of Science and Technology, Norwegen; EPFL, Schweiz).

Zwar sind die positiven Auswirkungen einer Sichtverbindung zur Aussenwelt auf die physische und psychische Gesundheit in der Literatur bereits umfassend belegt, dennoch gilt es noch einige Wissenslücken zu schliessen. Zudem scheint es, als wäre auch das bereits vorhandene Wissen noch nicht vollumfänglich genutzt worden. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig auch in Zukunft Aufklärungsarbeit und der gegenseitige Austausch sind, damit alle irgendwann die Wichtigkeit einer freien Sicht nach draussen für die Gestaltung von Gebäuden begreifen.

 

Tageslicht und Natur als Antwort auf den Klimawandel und die Herausforderungen rund um die Widerstandsfähigkeit von Gebäuden

Im Unterschied zum letzten Symposium in Berlin hatte ich dieses Mal den Eindruck, dass es in den Diskussionen nicht nur darum ging, warum Tageslicht für einen höheren Komfort und ein gesünderes Raumklima sorgt und wie entsprechende Erkenntnisse in die Gestaltung von Gebäuden einfliessen könnten. Die Themen waren diesmal deutlich breiter gefächert. Dabei kam unter anderem die Frage auf, wie wir Gebäude und Städte planen können, damit wir auf die Herausforderungen rund um die zunehmende Verstädterung, die Verknappung natürlicher Ressourcen und den Klimawandel reagieren können.

Hierzu wurden zahlreiche inspirierende Visionen und Projekte vorgestellt, die darauf abzielen, Tageslicht und Natur stärker in Gebäude zu integrieren und in Städten die Luft- und Wasserqualität zu verbessern. Auf diese Weise soll die biologische Vielfalt erhalten und psychischen Problemen vorgebeugt werden (SLA Architects, Chartier-Dalix Architects). In Kombination mit kohlendioxidarm produzierten Werkstoffen könnte dies den Weg hin zu klimaneutralen, widerstandsfähigen Gebäuden ebnen, die letztlich ihre Umgebung sogar «neu beleben» (A2M Architects).

 

Natur bildet das Herzstück des Paris-Charenton-Projekts für die Ausschreibung zur Neugestaltung des Metropolitanraums Paris (Quelle: A2M Architects).

Bei diesen Konzepten scheint es sich auf den ersten Blick um ferne Zukunftsmusik zu handeln. Tatsächlich tragen sie jedoch bereits den heutigen Bedürfnissen von Investoren und Gebäudenutzern Rechnung und werden höchstwahrscheinlich in künftige Vorschriften und Bestimmungen einfliessen.

Das bedeutet kurz zusammengefasst, dass bei den Überlegungen zur Gestaltung unserer bebauten Umwelt Tageslicht, Natur und eine freie Sicht nach draussen stärker berücksichtigt werden müssen, um «eine bessere und nachhaltigere Zukunft für alle zu schaffen».Zugleich sind auch Zusammenarbeit, Kommunikation und die weitere Verbreitung von Wissen unerlässlich, und dazu leisten Veranstaltungen wie dieses Symposium einen wichtigen Beitrag.

 

Eloise Sok

Eloïse Sok ist Concept Creator bei SageGlass Europa & Mittleren Osten. Sie hat einen universitären Doppelabschluss im Bereich Ingenieurwissenschaften der Ecole Centrale in Frankreich und der Tsinghua Universität in China. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen nachhaltiges Bauwesen, Tageslicht und der Komfort der Gebäudenutzer. Ihr Motto: "Leidenschaft ist unsere grösste Stärke".

 

 


 

1 Lisa Heschong hat zahlreiche Forschungsarbeiten zum Einfluss des Tageslichts und der freien Sicht nach draussen in Schulen, im Einzelhandel und in den Büros der Heschong Mahone Group (HMG) durchgeführt. Sie wirkte zudem massgeblich an der Entwicklung von auf Klimadaten basierenden Tageslicht-Kennwerten und ihrer Aufnahme in Zertifizierungen und Bauvorschriften in den USA mit. In ihrem Buch Thermal Delight in Architecture beschäftigt sie sich darüber hinaus mit der Bedeutung der Alliästhesie für die Gestaltung von Gebäuden.

 

Zusätzliche Informationen: