< Zurück zu Visionary Insight

VISIONARY INSIGHTS

Studie zeigt gestiegene Bedeutung der Sicht nach draussen seit der Corona-Pandemie

Eloïse Sok-Paupardin
26. April 2021
window views post-Covid

Es ist allgemein bekannt, dass wir 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen verbringen. Seit dem weltweiten Ausbruch der Corona-Pandemie, sind viele von uns gezwungen, noch mehr Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen und unsere sozialen Kontakte so weit wie möglich einzuschränken. Demzufolge stellen Fenster unsere erste Möglichkeit dar, mit der Aussenwelt in Kontakt zu bleiben, weshalb sie in einer solchen Krisenzeit umso mehr geschätzt werden.

In diesem Zusammenhang haben Forscher der University of Nottingham (GB) im vergangenen Januar einen Artikel veröffentlicht. Darin stellten sie die Ergebnisse einer Studie vor, in der sie die Wahrnehmung von Fenstern vor und nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie miteinander verglichen. Die Studie basierte auf Daten, die in 44 Ländern durch Umfragen gesammelt wurden, die zwischen Oktober 2019 und Januar 2020 sowie im April 2020 stattfanden, als sich viele Regionen im Lockdown befanden.

 

Die wichtigsten Ergebnisse

Folgende Unterschiede in der Wahrnehmung der Menschen nach dem Lockdown werden in der Studie hervorgehoben:

  • Signifikant höhere Zufriedenheit mit und Wertschätzung des Ausblicks aus dem Fenster 
  • Erhöhte Bedeutung von Fenstern, insbesondere Ausblick, Frischluftzufuhr und die Möglichkeit, die Arbeit zu unterbrechen und den Blick nach draussen schweifen zu lassen
  • Vermehrtes und längeres Öffnen von Jalousien/Vorhängen; hauptsächlich, um nach draussen zu schauen und eine kurze Pause einzulegen 
  • Geringere negative Wahrnehmung von Fenstern – negative Gedanken sind meist auf Zugluft, Blendung, Überhitzung, Lärm von aussen usw. zurückzuführen 
  • Häufigerer Blick aus dem Fenster
  • Regelmässige Pausen von der aktuellen Tätigkeit durch den Blick aus dem Fenster; auch wenn man dafür einige Schritte zum Fenster gehen muss 
  • Erhöhte Aufmerksamkeit für Geräusche, die von draussen kommen
  • Grössere Wertschätzung des Tageslichts
 

Interessant war ausserdem, dass viele Menschen verstärkt die Tendenz hatten, ihren Arbeitsplatz während des Lockdowns näher an ein Fenster zu verlagern. Dadurch wollten sie hauptsächlich mehr vom Tageslicht, vom Ausblick und von der frischen Luft profitieren und gleichzeitig mit Menschen draussen in Kontakt treten.

 

Der Blick aus dem Fenster als soziales Bindeglied

In der Studie werden ebenfalls Beispiele für kreative Ideen einiger Teilnehmer genannt, um sich durch das eigene Fenster auf soziale Weise mit ihrer Aussenwelt zu verbinden. Eine Bewegung, die mir dabei im Speziellen auffiel, wurde von einer Fotografin ins Leben gerufen. Sie teilte täglich Fotos von der Aussicht aus ihrem Fenster mit der dazugehörigen Geschichte und lud andere dazu ein, es ihr in den sozialen Medien gleichzutun. Barbara Duriau, die Gründerin der Facebook-Gruppe View from my window, (Blick aus meinem Fenster), erklärt die Motivation hinter dieser Bewegung: «Wir alle werden viele lange Wochen mit ein und demselben Blick aus unserem Fenster bei uns zu Hause verbringen müssen. Doch wie sieht dieser Blick auf der anderen Seite der Welt aus? Was wäre also, wenn ich den Internetnutzern vorschlagen würde, ein Foto zu machen und es mit anderen zu teilen, die sich in einer Facebook-Gruppe während des Lockdowns zusammenfinden? Dadurch könnten wir eine Verbindung zueinander aufbauen und der ganzen Situation für einen Moment sicher entfliehen.» Die Facebook-Gruppe zählt aktuell 2,2 Millionen Mitglieder.

 

Beispiel eines Fotos eines Blicks aus dem Fenster, die auf der ganzen Welt geteilt werden, um sich miteinander zu vernetzen und das mentale Wohlbefinden zu unterstützen (Quelle: View from my window Facebook-Gruppe)

Dieses Beispiel sowie die wenigen anderen, die in der Studie genannt werden, veranschaulichen die sozialen Werte von Fenstern. Denn sie zeigen sehr genau, welche Kraft der Blick aus dem Fenster haben kann, um das psychische Wohlbefinden von Menschen in den schwierigsten Zeiten zu unterstützen.

 

Fazit

Die hier beschriebene Studie zeigt, dass dem Blick aus dem Fenster aufgrund der Corona-Pandemie eine erhöhte Bedeutung zugemessen wird. Obwohl die Autoren hervorheben, dass weitere Untersuchungen in diesem Bereich notwendig sind, stimmen die Ergebnisse mit früheren Forschungsstudien über die Vorteile des Ausblicks aus dem Fenster bei der Unterstützung unseres visuellen und psychologischen Wohlbefindens überein1. Ob zu Hause oder bei der Arbeit – wir brauchen den Blick aus dem Fenster, um hinausschauen zu können, unseren Augen eine Pause zu gönnen, zu entspannen, uns zu helfen, unsere kognitiven Ressourcen wieder aufzuladen und uns vom Stress zu erholen. Und wir brauchen die Sicht nach draussen, um mit der Aussenwelt eine Verbindung aufzubauen und «in Kontakt mit der Dynamik, dem sozialen Leben und dem Lauf der Natur zu bleiben.»2.

Wir brauchen den Blick aus dem Fenster, um uns als Teil dieser Welt und lebendig zu fühlen. Dies noch mehr in Zeiten, in denen wir uns danach sehnen, draussen zu sein und Zeit mit unseren Lieben und mit Gleichgesinnten zu verbringen. Fenster sollten somit, um es mit den Worten aus der Schlussfolgerung der Studie zu sagen, «nicht nur Tageslicht hereinlassen, sondern auch einen Blick nach draussen ermöglichen.» Diesen Punkt sollten wir stets im Hinterkopf behalten unabhängig der Krisen wir in Zukunft noch erleben werden.

Sie können die vollständige Studie hier lesen.

 

Eloise Sok

 

Eloïse Sok ist Concept Creator bei SageGlass Europa & Mittleren Osten. Sie hat einen universitären Doppelabschluss im Bereich Ingenieurwissenschaften der Ecole Centrale in Frankreich und der Tsinghua Universität in China. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen nachhaltiges Bauwesen, Tageslicht und der Komfort der Gebäudenutzer. Ihr Motto: "Leidenschaft ist unsere grösste Stärke".

 


Sources:

  1. The psychological aspects of windows and window design, Heerwagen, 1990
  2. The significance of the window - a qualitative, anthropological study of what the window means to people, B. Hauge, 2013

 

Zusätzliche Informationen: